DAS BANDONEON
Das Bandoneon ist eine deutsche Erfindung und wurde
mit der Welle der Massenimmigration nach Buenos Aires geschwemmt.
Ernesto Sábato sagte über das Instrument: „Welch
geheimnisvoller Ruf aus der Ferne hat es wohl möglich gemacht,
ein derart volkstümliches, ein derart germanisches Instrument
hierherzuschaffen, um den Kummer der Menschen vom Río de la
Plata zu besingen?“ Die Legende besagt, daß das Bandonon
auf dem Seeweg nach Buenos Aires kam und von einem abgebrannten Matrosen
als Vergütung weiblicher Gefälligkeit in Zahlung gegeben
wurde.
Das Bandoneon ist eine wechseltönige Handharmonika, die um
1845 im Erzgebirge entwickelt wurde.
Heinrich Band ein Musikalienhändler aus Krefeld entwickelte
das Bandoneon weiter, welches vom Carlsfelder Instrumentenbauer
Carl Zimmermann 1851 auf der Industrieausstellung von London vorgestellt
wurde.
Zu diesem Zeitpunkt war der Tonumfang noch sehr gering und
so wurden immer neue Töne hinzugefügt, was zur Folge hatte,
daß es Instrumente mit unterschiedlichster Knopf anordnung
gab.
Es gab Dutzende unterschiedlicher Systeme auf dem Markt.
Größe,
Tonumfang, Anordnung der Knöpfe -
kaum ein Bandoneon glich
dem anderen.
Da vor allem die Anordnung der Knöpfe immer wieder variierte
war es unmöglich eine einheitliche Lehrmethode für das
Instrument zu entwickeln. Heinrich Band der das Instrument nach
sich benannte, um es von den unzähligen anderen Concertinas
zu unterscheiden, machte diesem Chaos ein Ende, indem er die Anordnung
einiger Töne veränderte.
Er entwickelte das Bandoneon
„rheinischer Tonlage“, ein 142 töniges Modell welches
sich am Río de la Plata etablierte. Aber grundlegende Dinge
wie Mechanik und Klangerzeugung standen bereits fest, so das man
ihn nicht wirklich als den Erfinder des Bandoneon bezeichnen kann.
Rodolfo Mederos (Bandoneonspieler) sagte über das Instrument:
“Das
Bandoneon ist ein Teufelsinstrument. Es wurde in Deutschland zu
einer Zeit entwickelt und hergestellt, als Dinge noch für die
Ewigkeit bestimmt waren, als es noch keine Kunststoffe gab. Für
die Fertigung wurden nur die besten Materialien verwendet: Holz,
Metall, Leder Perlmutt. Für einen Bandoneonspieler wird das
Instrument zum alter ego – es ist zum Teil er selbst, zum
Teil seine Frau. Sogar ein homosexuelles Element hat es an sich.
Man fühlt sich in Besitz genommen und als Besitzer, man liebkost
es, man nimmt seine Temperatur wahr…“
Das Bandoneon hat eine beachtlicheReichweite von beinahe fünf
Oktaven und zeigt sich durch seine Vielfalt und da es leicht zu
transportieren ist als ideales Begleitinstrument der früheren
Straßenensembles.
Der kleine Blasebalg ist ein wechseltöniges
Instrument, dieselbe Taste bringt zwei verschiedene Töne hervor
– einen wenn man zieht, den anderen wenn man die Handharmonika
zusammendrückt.
Diese Diatonie hat für den Instrumentalisten
Folgen. Um eine Tonleiter auf dem Bandoneon zu beherrschen muß
er vier verschiedene Tastenfolgen studieren. Aber es hat auch den
entscheidenden Vorteil gegenüber dem Akkordeon, bei dem die
linke Seite zu Akkorden zusammengekoppelt ist, das Einzeltöne
erzeugt werden , was viel mehr Möglichkeiten im Spiel zulässt.
Das Bandoneon hat fast den Umfang eines herkömmlichen Klaviers.
Die linke Hand spielt die tieferen Töne, deren warmer Klang
an ein Cello erinnert, die rechte Hand ist für die hohen, brillantenTöne,
die wie Geige und Klarinette klingen zuständig.. Der große
Klangunterschied der beiden Seiten wird in der mittleren Lage deutlich,
hier überschneiden sich die Register in einer Oktave.
Astor Piazzolla nutzte häufig diese verschiedenen Klangfarben in einer Oktave,
er begann Melodielinien linker Hand, führtesie rechter Hand
fort, und erweckte so den Eindruck als würde er zwei Instrumente
gleichzeitig spielen.
Charakteristisch ist die enorme Artikulationsmöglichkeit des
kleinen Instruments, welches Gefühlsregungen wie schluchzen,
wimmern, brummen, jammern und weinen reproduzieren kann.
So ist es nicht verwunderlich, daß das Bandoneon oft vermenschlicht
wird. Viele Tangopoeten haben dem Bandoneon ganze Texte gewidmet:
---------------------------------------------------
Che, bandonéon
Bandoneon, heute tanzen die Gespenster.
Willst du von mir die Wahrheit wissen?
Glas für Glas, Schmerz auf Schmerz
Tango um Tango
Schon vom Irrsinn eingenebelt
Und vom Schnaps der Bitterkeit.
Bandoneon, nenn‘ nicht immer ihren Namen
Spürst du nicht, daß mein Herz vergessen will?
Und Nacht für Nacht
Kehrt sie zurück wie ein Refrain
Im Schluchzen deines Klangs
Che Bandoneon.
Übersetzung nach Raimund Allebrand: Tango - Nostalgie und Abschied. Psychologie des Tango Argentino. München: Horlemann 1998, S. 106-107.
Aber wie kam es, das ausgerechnet das Bandoneon zur Stimme des
Tango wurde?
Humberto Constantini zitiert einen Zeitgenossen der
sagte, einer Erklärung für die Ankunft des Bandoneons
in Buenos Aires bedürfe es überhaupt nicht, denn: „Buenos
Aires hat seit seiner Entstehung auf das Bandoneon gewartet, so
wie die Pampa seit Tausenden von Jahren auf das Pferd.“
Warum das Bandoneon in Argentinien diesen Status erreichte kann
man nicht mit Bestimmtheit sagen, aber sicher liegt eine Erklärung
darin, daß das Bandoneon noch keinerlei Tradition am Río
de la Plata hatte, es hatte noch keine Stelle besetzt wie die
Gitarre, die die Spanier mitbrachten, oder die Perkussionsinstrumente
der Afrikaner und das Akkordeon der Italiener, alle Instrumente
waren bereits bekannt und wurden mit einem bestimmten Musiktyp
in Verbindung gebracht. Das Bandoneon jedoch war aus argentinischer
Sicht noch völlig gesichtslos.
Unvoreingenommen erforschten die Autodidakten die Möglichkeiten
dieses wunderbaren und vielseitigen Instruments.
So ist es kein Wunder, das der Tango, der sich zu jener Zeit entwickelte
und das Bandoneon sich gefunden haben



















































